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Wer zeigt uns den Weg aus der vaterlosen Gesellschaft? Gedanken zum MuttertagVon Winfried AbelSeit Alexander Mitscherlich geht das Wort von der "vaterlosen Gesellschaft" um. Dieses Wort beziehe ich auf die Unzahl von Waisen und Halbwaisen, die unser ausgehendes Jahrhundert hervorgebracht hat und noch hervorbringen wird. Gemeint sind nicht die Opfer der beiden großen Weltkriege, also Kinder, deren Väter auf den Schlachtfeldern geblieben sind, sondern die vielen Kinder, deren Eltern sich getrennt haben oder deren Väter "abwesend" sind, obwohl sie mit ihren Familien noch unter einem Dach leben. Es ist ein trauriges Phänomen unserer Zeit, daß in zunehmendem Maße Männer wie Frauen der beruflichen Karriere vor der Familie den Vorzug geben. Insofern könnte man auch von einer "mutterlosen Gesellschaft" sprechen. Die Worte "Vater" oder "Mutter" sind durch bestimmte zeitgeistige Strömungen mehr und mehr diskreditiert worden. Es gilt in gewissen Gesellschaftskreisen für ein Zeichen von Rückständigkeit, wenn sich Männer oder Frauen noch zu ihrer Vater- oder Mutterrolle bekennen. Der beruflich erfolgreiche Bindungslose, der Single, ist heute das Idealbild des modernen Menschen geworden. Ist er auch das Leitbild für den Menschen, der Zukunft gestalten kann? Eine Zukunft ohne Kinder, sagen wir besser: ohne erwartete und geliebte Kinder, ist keine Zukunft. Wie mag ein Zeitgenosse heute die biblischen Berichte lesen, die den Vätern und Müttern des Alten Bundes eine so bedeutsame Rolle in ihrer Welt zusprechen! Von Abraham heißt es beispielsweise, daß er, obwohl zu unvorstellbarem Reichtum gelangt, nur ein einziges Problem kannte: keinen Sohn zu haben. Für einen Orientalen ist Kinderreichtum nicht nur Segen, sondern die einzige und wahre Form der Selbstverwirklichung. Es gibt zwar heute wieder gewisse Mythen, die das Fortleben des Menschen allein in den Kindern und Kindeskindern sehen. Diese heben die Bedeutung der Familie keineswegs auf, weisen vielmehr auf einen wichtigen, fast vergessenen Aspekt hin: die Zukunft eines Volkes - und zugleich sein bestes Kapital – sind die Kinder. Im Johannesevangelium lesen wir den trostvollen Satz: "Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen" (Joh.14,18). Jesus spricht diese Worte in der Abschiedsstunde zu seinen Jüngern und zugleich zu uns. Er will uns damit sagen, daß wir in Gott einen Vater haben, der uns liebt, der immer für uns da ist, der uns nicht im Stich läßt. Jesus übersetzt also mit seinen Worten und durch seine Person den alttestamentlichen "Jahwe"-Namen in der Version "Ich bin der, der für euch da ist". Wer Gott zum Vater hat, der hat den zuverlässigsten Für-Sorger. Und ein solcher will Gott für alle Menschen sein. Die vaterlose Gesellschaft ist in Wirklichkeit die gottlose Gesellschaft, die den Menschen von seinem tragenden Wurzelgrund löst, ihn auf sich selbst gestellt sein läßt und ihm jegliche Geborgenheit raubt. Worte wie "Vater" oder "Mutter" sind Beziehungsnamen. Wer "Mutter" sagt, meint sich als Kind in einer Beziehung, die der Mensch nur einmalig auf Erden haben kann. Das Vaterunser ist gleichfalls ein Bekenntnis zum einzigartigen Kind-Gottes-sein. So wie es heute die verweigerte Vater- und Mutterschaft gibt, so gibt es heute auch das verweigerte Kindsein. Ich erinnere mich eines Theologen, der in einem Rundfunkinterview bekannte, er könne das Vaterunser nicht mehr beten, weil es ihm das Gefühl der Unterlegenheit vermittle. Vaterschaft bedeute schließlich Autorität, also Macht; und jegliche Form von Machtausübung bewirke Angst. Auf die Frage, was er denn anstelle des Vaterunsers vorzuschlagen habe, gab er lediglich zur Antwort, er stelle sich Gott "demokratischer" vor. Dieser Mann hat wohl nie in seinem Leben erfahren, wie beglückend die Abhängigkeit sein kann, wenn ein Kind sich von einem Vater oder einer Mutter geliebt weiß. Die vaterlose Gesellschaft produziert ein viel schlimmeres Problem als die gefürchtete Abhängigkeit, nämlich die trostlose Beziehungslosigkeit. Der gottlose Mensch weiß nicht mehr um sein Woher und Wohin. Der holländische Priester und Schriftsteller Henri Nouwen stellt in seinem Buch "Nimm sein Bild in dein Herz" das berühmte Rembrandt-Gemälde vom heimgekehrten Sohn vor, das in der Eremitage in St. Petersburg ausgestellt ist. Er gibt dabei dem Leser Anteil an seiner erstaunlichen Entdeckung, daß der Maler die Hände des Vaters verschieden dargestellt hat: als eine männlich-kräftige Hand und als eine fraulich-zarte Hand. Rembrandt hat sicherlich nicht ahnen können, daß sich drei Jahrhunderte nach seiner Zeit eine heiße und erbitterte Debatte um die sexistische Deutung des Gottesbildes entzünden würde. Für ihn war es klar, daß Gott der "ganz Andere" ist, der über alle Geschlechtlichkeit der menschlichen Natur weit erhaben ist. Wenn unsere kranke Gesellschaft wieder gesunden will, dann braucht sie wieder das kostbare Kapital von mütterlichen und väterlichen Menschen. Denn - so lesen wir bei Jean Paul - "die Mütter geben unserem Geiste Wärme und die Väter Licht." (Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors) |
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