![]() Predigt
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Passion Jesu Christi bei Mel Gibsonvon Kpl. Dr. Henryk SlawinskyNicht nur die Christen, sondern alle Menschen, die sich mit Kunst und Literatur beschäftigen, sind konfrontiert worden mit einem Ereignis, das sie zur Stellungnahme zwingt. Die Meinungen gehen auseinander, von Begeisterung bis zur vollkommenen Ablehnung. Was die einen begeistert, stößt die anderen ab. Das betrifft zum Beispiel die ganze Realität der Passion Christi, die Mel Gibson zu zeigen versucht. Grausamkeit [Realität] der PassionWie es genau war mit allen Details, wissen wir aber nicht. Hinweise darüber bekommen wir aus den vier Evangelien. Die Erzählungen der Evangelisten jedoch sind nicht nur historische Überlieferungen, sondern in erste Linie Glaubenszeugnisse. Es geht in ihnen nicht um das "wie", sondern um das "warum" und "wozu".Die genaueren Details über den Ablauf einer Kreuzigung geben uns manche außerbiblische Quellen, wie zum Beispiel die Schriften des Plato1. Zusätzlich zu den schriftlichen Quellen haben wir auch einen visuellen Hinweis über eine Geißelung und Kreuzigung eines Mannes, einen "stummen Zeugen", das Grabtuch von Turin. Von den biblischen Quellen wissen wir, dass bei den Juden nicht mehr als vierzig Geißelhiebe erlaubt waren2. Bei den Römern jedoch, so berichten außerbiblische Quellen, gab es keine Grenze. Die Geißelung wurde als Teil der Kreuzigung angesehen, konnte aber als eigenständige Todesstrafe wirken. Für die Durchführung der Todesstrafen gab es in der römischen Armee einen bestimmten Soldaten, den man Lictor nannte. Alle römischen Strafen waren sehr grausam, brutal und dienten zur Abschreckung und Unterdrückung der eroberten Bevölkerung. Th. Mommsen nennt die Stufen der römischen Strafen3, wobei die Kreuzigung die höchste Stufe darstellt. Vorher käme der Tod durch Ertrinken, dann bei lebendigem Leibe verbrannt werden und den wilden Tieren zum Fraß vorgeworfen werden. Dies war nach dem Sententiae4 von Julius Paulus in ihrer Grausamkeit nur mit einer Kreuzigung zu vergleichen. Die Geißelung also war nicht die grausamste Strafe. Diese war die Kreuzigung. Manche der Gekreuzigten hingen mehrere Tage am Kreuz. Tagsüber wurden ihre Körper von Aasgeiern zerpickt, in der Nacht kamen Hyänen und Wölfe. Eine vorausgehende Geißelung verkürzte den Todeskampf. Jesus hing nur drei Stunden am Kreuz. Körperlich schien es nicht die größte Strafe zu sein. In seinem Fall war das seelische und geistliche Leiden am größten. Dieses aber lässt sich im Film nur sehr schwer darstellen. Obwohl die Verspottung und Dornenkrönung theologisch bedeutungsvoller sind, verwendet der Regisseur im Film "The Passion of Christ" die meiste Zeit für die Darstellung der Geißelung. Für viele Zuschauer ist diese Zeit schwer zu ertragen. Und es ist gut so. Sie werden zu einer Reaktion herausgefordert. Wie können Menschen so brutal mit anderen umgehen? Wir sind durch die Medien an viel Grausamkeit gewöhnt, zum Beispiel Gewalt in Palästina und Israel, Vergewaltigung der Frauen, Kindermord in China, Versklavung der Menschen im Sudan. Das lässt uns meist kalt. Wir sehen es und gehen zur gewohnten Tagesordnung über. Die Szenen des Filmes bringen die Brutalität so hautnah, dass es unerträglich ist. In Wirklichkeit aber leidet Jesus in Brutalitäten unserer Zeit: "Was ihr einem dieser Geringsten meiner Brüder getan habt, dass habt ihr mir getan"5. Wenn wir vom Tod vieler Menschen in den verschiedensten Ecken der Welt hören, ist das für uns nur die Statistik. Erst dann, wenn wir hautnahe mit dem Leiden eines Menschen konfrontiert sind, merken wir die Grausamkeit der Tragödie. Mel Gibson's Film ist brutal, aber genau dadurch stellt er den Grund des Leidens Jesu vor Augen: die Sünden der Menschen. Jesus selbst hat freiwillig das Leiden auf sich genommen wegen unserer Sünden. Die gläubigen Menschen erkennen, wie ernst man jede Sünde nehmen muss, weil der Preis dafür sehr hoch ist. Der antisemitische VorwurfDem Film wurde vorgeworfen, dass er zu antisemitischen Interpretationen führen kann. Dieses konnte man von einigen wichtigen Persönlichkeiten hören. Dieser Vorwurf könnte nicht dem Film allein gemacht werden, ohne in gleicher Weise die Evangelien zu verurteilen. Um die antisemitische Interpretationen zu vermeiden, hat der Regisseur zum Beispiel die Übersetzung des Satzes: "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder"6 in die nationalen Sprachen ausgelassen. Im Film wird deutlich gezeigt, dass nicht alle Mitglieder des Hohen Rates der Verurteilung Jesu zustimmten. Der Film führt uns gute und schlechte Juden, gute und schlechte Römer, und gute und schlechte Anhänger Jesu vor Augen. Man gewinnt den Eindruck, dass der antisemitische Vorwurf nur dazu dienen sollte, den Erfolg des Filmes zu schmälern. Wenn wir die Szenen mit Jesus im Film sehen, muss allen klar sein: wir sehen einen Jesus, der niemanden verurteilt und jedem verzeiht, selbst seinen Peinigern und das ist ein Vorbild für seine Anhänger.Brutalität und Rassismus sollte keinen Platz im zwischenmenschlichen Bereich haben. Man darf nicht allen Juden zur Zeit Jesu oder heute die Verantwortung für die Kreuzigung Jesu zuschieben. Die Stellung der Kirche ist sehr klar in diesem Bereich: Was bei der Passion Jesu vollzogen worden ist "(…) kann weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last gelegt werden"7. Das müssen besonders die Verkündiger des Evangeliums im Gedächtnis behalten. Von historischer Seite aus gesehen verlagert sich die Verantwortung auf mehrere Schultern und Ereignisse. Was für uns wichtig ist: wir alle haben Anteil an dieser Verantwortung durch unsere Sünden. Die Wahrheit ist, dass Jesus, wie ein guter Hirte, sein Leben freiwillig für uns hingegeben hat. Niemand hat es von ihm genommen. Dies zeigt deutlich ein "Flashback" im Film. Der Grund für dieses Opfer waren die Sünden der Menschen. Die Passion wie eine Pause in der MusikDer Gibsons Film heißt "Die Passion Jesu Christi". Und er bleibt dem Titel treu und zeigt die letzten Stunden des Lebens Jesu. Man würde aber gern mehr sehen über Taten und Lehre Jesu und die Erscheinungen nach der Auferstehung, denn die Passion liegt dazwischen, wie eine Pause in der Musik. Diese bringt die letztendliche Wirkung der einzelnen Töne zur Vollendung. Um ihre bedeutende Rolle spielen zu können, muss diese Pause durch die Klänge umrahmt werden. Die kürzeste Form der Verkündigung in der Urkirche war nicht nur auf das Leiden Jesu konzentriert, sondern sie lautete: Jesus Sohn Gottes ist für uns Mensch geworden, hat gelitten bis zum Kreuzestod, ist auferstanden und er lebt.Erst ab dem elften Jahrhundert des Mittelalters nahm die Passion den zentralen Platz in der Verkündigung und Spiritualität ein. Die Verkünder legten Wert auf die genauen Details der Passion, um das Mitleid ihrer Zuhörer zu ermöglichen. Die biblischen Zeugnisse verzichteten auf diese Details. Aus diesem Grund hat man sich andere Quellen bedient: die privaten Offenbarungen der Mystiker oder die eigene Vorstellungskraft. Vorher lag die Betonung auf dem Sinn des Todes und der Auferstehung Jesu. Dieser Betonung nähern wir uns heute wieder an. Mel Gibson aber greift in seiner Verfilmung die Idee der mittelalterlichen Spiritualität auf. Der Erfolg des FilmesFaszinierend in diesem Film ist die Darstellung der verschiedenen Beziehungen der Menschen, die mit Jesus irgendwie in Kontakt gekommen sind und ihre daraus folgende Wesensänderung. Z.B. der römische Soldat, Malchus, dem Petrus das Ohr mit dem Schwert abgehauen hat und den Jesus heilte. Er bleibt kniend, stumm und überwältigt. Simon von Zyrene begriff während des Kreuztragens, dass er es mit einem besonderen Menschen zu tun hatte. Er hat deshalb mehr getan, als von ihm verlangt wurde. Auch der jüdische Glaube Marias, der Mutter Jesu, entwickelte sich hin zum christlichen. Sie hat mitgelitten und mitgetragen auf Grund ihres tiefen Vertrauens, dass sich der Wille Gottes erfüllt.Es ist überraschend, wie unterschiedlich die Zuschauer auf den Film reagieren. Manche erwarten einen spannenden Unterhaltungsfilm, kommen mit Popcorn und Cola, müssen aber schon in den ersten Minuten diese Erwartungen ändern. Andere dagegen suchen Hilfe für eine tiefere Meditation und Gebet und bleiben noch lange nach Beendigung des Filmes im Kino. Es gibt Länder, in denen die Kinoplätze schon tagelang vorbestellt werden müssen. In Polen läuft der Film schon seit Anfang März (also viel früher als in Deutschland) und immer noch muss man zehn Tage vorher ein Ticket lösen. In den USA muss man eine Stunde vor Beginn des Filmes im Kino sein, um einen guten Platz zu finden, weil es keine nummerierten Plätze gibt. In Deutschland dagegen sind Kinos bei diesem Film halbleer. Mel Gibson's Film ist empfehlenswert. Er ist anders als bisherige Jesusfilme. Er ist mehr Erlebnis als Unterhaltung, mehr Reflexion als Information, mehr Herausforderung als Entspannung. Er provoziert unsere eigenen Vorstellungen der Passion Christi. Gleichzeitig aber verlangt er nach weiteren Teilen, um das ganze Geheimnis des Jesus von Nazareth so gründlich als möglich zu lüften. Der Erfolg des Filmes in den verschiedenen Ländern zeigt den anderen Filmproduzenten, dass die Christen als Adressaten nicht unterschätzt werden dürfen. Das Interesse an Filmen heutzutage wächst, und es soll auch dort einen Platz für Jesus und seine Botschaft geben. © Dr. Henryk Slawinsky - all rights reserved/alle Rechte vorbehalten - Quellennachweis: 1 (Gorgias 473 bc; Politeia, 361e - 362a), L.A. Seneca (Dialogorum Liber VI, De Consolatione ad Marciam 20,3) Josephus Flavius (De Bello Judaico 2,306) 2 (Die Bibel, Einheitsübersetzung, AT, Deutoronomium, Kapitel 25, Verse 2 bis 3; NT, 2 Korinther, Kapitel 11, Vers 24). 3 (Römisches Strafrecht, Leipzig 1899, S. 917-924) 4 (Sententiae, Julius Paulus, 5,23,17) 5 (Die Bibel, Einheitsübersetzung, NT, Matthäusevangelium, Kapitel 25, Vers 40) 6 (Die Bibel, Einheitsübersetzung, NT, Matthäusevangelium, Kapitel 27, Vers 26) 7 (Zweites Vatikanisches Konzil, Nostra Aetate, 4) (Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors) |
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