![]() Predigt
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Menschwerdung Gottes – in meinem LebenVon Winfried AbelDie kosmische DimensionIn meiner Kindheit beschränkte sich für mich die Menschwerdung Gottes auf die Geburt Jesu in Bethlehem, die mir bis heute ein Grund des Staunens geblieben ist. Wir Kinder standen am Weihnachtsfest um den Lichterbaum, den Widerschein des Kerzenlichtes in unseren großen Augen, und betrachteten mit Staunen das Kind in der Krippe. Das zerschlissene Dach des Stalles von Bethlehem gehörte ebenso zu dem weihnachtlichen Bild wie die strohgefüllte Futterkrippe. Daß der menschgewordene Gott schon als Kind ein Ausgestoßener, ein heimatloser und verfolgter Flüchtling war, kam mir dabei gar nicht in den Sinn. Viel später - ich war damals Gefängnisseelsorger in Kassel - erlebte ich, wie eine anthroposophische Schauspieltruppe im Kirchenraum der Haftanstalt ein Christgeburtsspiel aufführen wollte und darauf bestand, daß zuerst das große Hängekreuz aus dem Altarraum entfernt werden müsse. Ein Gefangener bemerkte danach: "Das Christgeburtsspiel war zwar gut gemacht, aber das Wesentliche hat dabei gefehlt: nämlich das Kreuz. Bethlehem ohne Golgatha, das macht doch keinen Sinn." Dieser Mann hat intuitiv das Richtige gesehen: Menschwerdung ist mehr als die Geburt in Bethlehem! Das alles hat sich bei mir im Laufe meines Lebens aus meinem unreflektierten Glauben als deutliche Erkenntnis herausgeschält, bis mir am Ende klar wurde, daß die Menschwerdung Gottes das ganze Christus-Geheimnis umfaßt, das heißt die ganze Schöpfung. Das Pauluswort bekam für mich Bedeutung: "Alles ist durch ihn und auf ihn hin geschaffen" (Kol.1,16). Teilhard de Chardin spricht von der "Christogenese" und meint damit die Verwandlung des ganzen Kosmos in Christus. Also wurde mir klar, daß die Menschwerdung Gottes mit dem allerersten Ruf "es werde Licht!" (Gen.1,3) begonnen hat. Der Kosmos ist somit nicht nur der "Ort" sondern auch die "Materie" (~ "Mutterstoff") der Menschwerdung Gottes.Menschwerdung als Gottes "Trotzdem-Liebe"Doch es geht noch weiter: die Menschwerdung Gottes geschieht in eine Welt hinein, die bereits durch den großen Abfall von Gott, d.h. durch die Sünde, deformiert ist. Das läßt erahnen, daß Christus nicht in strahlender Gestalt und imponierender Gloriole eines Gottkönigs unter den Menschen in Erscheinung treten wird, sondern in der Gestalt des Leidenden, der seinen Leib aus dem Stoff der sündenkranken Schöpfung bildet. So beschreibt ihn vorausahnend der Prophet Jesaja im vierten Gottesknechtslied: "Er hatte keine schöne und edle Gestalt, so daß wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, daß wir Gefallen fanden an ihm." (Jes.53,2). Im ersten Kapitel des Buches Genesis spricht fast jeder Vers davon, wie sehr Gott in seine Schöpfung verliebt war. Immer wieder heißt es da: "...und Gott sah, daß es gut war"; am Ende sogar: "Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Es war sehr gut." (Gen.1,31). Daß sich ein Künstler in sein Kunstwerk verliebt, können wir durchaus begreifen. Daß Gott aber dem gefallenen Menschen, und damit der verdorbenen Schöpfung, seine besondere Zuneigung schenkt, bleibt uns ein unfaßbares Rätsel. Die göttliche Zuneigung zeigt sich vor allem darin, daß die barmherzige Liebe des Vaters - wenn man überhaupt so sprechen darf - der Menschwerdung des Sohnes vorausgeht. Jesus sagt im nächtlichen Gespräch zu dem Pharisäer Nikodemus: "Gott hat die Welt so sehr geliebt, daß er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat." (Joh.3,16). Manche halten diesen Bibelvers für den schönsten und ergreifendsten in der ganzen Heiligen Schrift. Er bildet sozusagen die Summe der Offenbarung Gottes. Dieser Vers könnte das Leitwort für das Gott-Vater-Jahr 1999 sein. Er macht deutlich, daß die Initiative der Menschwerdung beim dem liegt, den Jesus seinen und unseren Vater nennt und zu dem wir sagen dürfen "Abba", lieber Vater" (vgl. Röm.8,15). Die Abrahamsgeschichte ist ein großartiger Typus (=Vorbild) für dieses unfaßbare Geschehen, - allerdings mit dem einen wichtigen Unterschied: in der Heilsgeschichte ist es nicht der Mensch, der an erster Stelle handelt und sein Liebstes für Gott gibt, sondern Gott selber, der sein Liebstes für die Menschen gibt! Denn ER hat uns zuerst geliebt (vgl. 1Joh.4,19). Die Menschwerdung Christi - in der besonderen Ausformung des gekreuzigten Christus - wird somit zu einem unübersehbaren Ausrufezeichen der "Trotzdem-Liebe" Gottes zu uns Menschen. Sie ist das zentrale Ereignis der Heilsgeschichte: also etwas völlig Neues, nie Dagewesenes und Unvergleichliches in dieser Welt! In den Mythen der Umwelt Israels sind sogenannte Theophanien nichts Ungewöhnliches: Götter gehen in Menschengestalt über die Erde und mischen sich unter die Menschen. Sie machen sich ebenso unsichtbar, wie sie sich sichtbar machen können. Sie gehen in Verkleidungen einher wie Zauberer, die sich in jede beliebige Gestalt verwandeln und wieder zurückverwandeln können.Die Menschwerdung Gottes ist mehr als ein Verkleidungsspiel: sie ist die blutig-ernste Verbindlichkeit Gottes, die er in seiner Wahnsinnsliebe mit dem gefallenen Menschen eingegangen ist. Er wird so sehr Mensch, daß es für ihn kein Zurück mehr gibt. Er wird nicht nur geboren wie ein Mensch, sondern als ein Mensch. Ebenso lebt, leidet und stirbt er nicht wie ein Mensch, sondern als ein Mensch. Das ist die Wahrheit über "CHRISTUS", der ganz Mensch und ganz Gott ist. In alle Ewigkeit will ER sich nicht von seiner menschlichen Natur trennen. So schaut ihn der Prophet Daniel in einer Vision als den "Menschensohn", der auf den Wolken des Himmels kommt, dem Herrschaft, Würde und Königtum gegeben werden und dessen Herrschaft ewig und unvergänglich ist. (vgl. Dan.7,13f). Das Wort im Fleische: Wahrheit, Liebe und LebenSeit vielen Jahren beschäftigt mich der Kernsatz des Johannesprologs "das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt". (Joh.1,14). Was ist das für ein fleischgewordenes Wort? Der griechische Begriff "Logos" hat bekanntlich eine wesentlich größere Bedeutungstiefe, als es das deutsche "Wort" zum Ausdruck bringen kann. Zunächst bedeutet es die innergöttliche Kommunikation, die die Beziehung der Liebe zwischen den göttlichen Personen ist. Dann bedeutet es das Heraustreten Gottes aus der Verborgenheit in die Welt des Sichtbaren. So steht es schon im ersten Satz des ersten Johannesbriefes: "Was von Anfang an war, was wir gehört haben, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefaßt haben, das verkünden wir: das Wort des Lebens. Denn das Leben wurde offenbart; wir haben gesehen und bezeugen und verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns offenbart wurde." (1Joh.1,1f). Gott ist also Äußerung und Ent-äußerung zugleich. Die Entäußerung ist seine sich selbst überbordende Liebe. Bei IHM können "Wort" und "Liebe" nicht getrennt werden. Der österreichische Philosoph Ferdinand Ebner (+1931) fragt daher: "Ist es nicht die Liebe, die das erste Wort gesprochen hat? Und muß nicht das 'Wort' in jenem ursprünglichen Sinne, das der Wortwerdung zugrunde lag, die Liebe im Menschen erwecken?" Der Mensch hat die einzigartige Fähigkeit der Sprache. Er kann geistige Inhalte in akustische Worte oder sinnenhafte Zeichen verwandeln, sie einem anderen Menschen auf diesem "materiellen" Wege übermitteln und ihn dadurch wiederum zu geistiger Erkenntnis führen. Die Fähigkeit der Sprache ist eine göttliche Gabe, deren unschätzbaren Wertes wir uns kaum noch bewußt sind. Das Wort ist also die materielle Hülle der Wahrheit und macht nur wirklich Sinn, wenn es mit der Wahrheit einhergeht. Alles andere ist Lüge. Wort, Wahrheit, Liebe und Fleischwerdung gehören also untrennbar zusammen, seitdem es die sichtbare Schöpfung gibt, die die Hülle des sich ent-äußernden Wortes Gottes ist. Daher gilt die Regel, daß kein Wort wirklich wahr ist, das - zwar sachlich richtig - nicht Ausdruck von Liebe ist. Noch ein weiterer Begriff gehört wesentlich zum "Wort": das "Leben". In dem schon zitierten Prolog des Johannesevangeliums heißt es: "Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen." (Joh.1,3f). Für uns Heutige ist dieser Vers von unschätzbarer Bedeutung. Wie oft haben wir Christen uns schon gefragt, warum der katholische Glaube alle verworrenen Zeiten unbeschadet überdauert und so viele Irrlehren überlebt hat. Die Antwort muß lauten: weil allein das Wort, das das Leben in sich hat, überleben kann! In den vergangenen Jahrhunderten sind so viele Häresien, Philosophien und Ideologien gekommen und wieder gegangen, doch die Wahrheit ist geblieben. Es ist nicht einmal so bedeutsam, daß die Wahrheit bei den Menschen eine Mehrheit findet. Eher ist das Gegenteil die Regel. Entscheidend ist, daß die Wahrheit das "Leben" in sich hat. Gilbert K. Chesterton schrieb einmal: "Wenigstens fünfmal (in der Kirchengeschichte) ist der Glaube allem Anschein nach vor die Hunde gegangen. Doch stets war es der Hund, der starb." Dieses Wort entstammt der Erfahrung, die die Kirche in Jahrhunderten gewonnen hat; und diese Erfahrung hilft uns, mit Zuversicht in das Jahr 2000 zu schreiten, und sie befähigt uns zugleich, untrügliche Propheten der Hoffnung zu werden. Jesus betont Philippus gegenüber, daß die Wahrheit im "fleischgewordenen" Wort wohnt. Denn er sagt von sich: "ICH bin der Weg und die Wahrheit und das Leben" (Joh.14,6). Wahrheit, Leben und Person fallen also in IHM zusammen.Es gehört sicherlich zu den wichtigsten Erfahrungen der Christenheit, daß Wahrheit nur an einer Person und – letztlich! – als Person erfahren werden kann. Die am 11. Oktober 1998 heiliggesprochene Karmelitin Edith Stein hat gerade dadurch zum Glauben gefunden, daß sie die Wahrheit nicht als eine Philosophie sondern als eine Person erkennen durfte. Das Zeugnis der Wahrheit: die HingabeDie Kirche ist seit dem Pfingstfest Trägerin der Wahrheit. Denn Jesus hat nicht eine Buch- oder Buchstaben-Religion gegründet sondern die Jünger mit seinem Geist, dem Geist der Wahrheit, erfüllt. So entstand die Kirche als der Christus-Leib: sie ist und bleibt die auf dieser Erde immer weiter voranschreitende Menschwerdung Christi bis zum Ende der Zeit. Seine Wahrheit - seine Gegenwart überhaupt - kann nur an lebendigen Menschen erkannt werden, die sich vom Geiste Christi erfüllen lassen. Die überzeugendsten Wahrheitsträger waren zu allen Zeiten diejenigen, die ihr Blut und Leben für Christus gegeben haben, also auch im Sterben ganz eins geworden sind mit dem Herrn, "der vor Pontius Pilatus das gute Bekenntnis abgelegt hat" (1Tim.6,13). Und dieses Bekenntnis lautete: "Ich bin dazu in die Welt gekommen, um von der Wahrheit Zeugnis zu geben." (Joh.18,37). Jesus hat dieses Zeugnis durch die Hingabe seines Lebens besiegelt.Als Edith Stein erkannte, in welche ausweglose Situation ihr Volk durch den Rassenhaß der Nationalsozialisten geraten war, - vor allem aber, daß nicht äußere Worte, auch keine päpstliche Enzyklika das Unheil von den Juden abwenden könnte, schrieb sie, von einer erschütternden Intuition erfüllt: "...Da mir die Ohnmacht direkter Beeinflussung fühlbar wird, verschärft sich mir die Dringlichkeit des eigenen holocaustum." Damit bringt sie ein Wort ins Spiel, das - lange bevor die Welt den Begriff "Holocaust" für den furchtbaren Völkermord an den Juden prägte - in der antiken Opfersprache ein "Ganzopfer" bezeichnete. Edith Stein meint damit nicht nur die stellvertretende Sühne, die sie für ihr Volk auf sich zu nehmen bereit ist, sondern sie verbindet mit diesem Begriff den für die Anthropologie so wichtigen Gedanken, daß nur das sterbende Samenkorn zur vollendeten Fruchtbarkeit gelangen kann, - so wie Ignatius von Antiochien (+110) in einem Brief an die Römer sein bevorstehendes Martyrium kommentiert: "Ihr könnt mir nichts Größeres gewähren, als Gott geopfert zu werden...Denn erst dann bin ich wirklich Mensch." (Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors) |
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