Predigt

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Gott ist unser Licht

Von Winfried Abel


Ein Phänomen, das in unseren Tagen wie eine Epidemie um sich greift, ist die Angst. Der bekannte Psycho-Theologe Drewermann hat ihr in seinen Schriften den roten Faden in die Hand gegeben. Hin und wieder höre ich, der Autor sei selbst ein angst-gepeinigter Mensch und sein literarisches Werk ein Psychogramm seiner geängstigten Seele. Wie dem auch sei: Drewermann trifft mit seiner Angst-Theologie den Nerv des modernen Menschen.

Woher stammt dieses neue Lebensgefühl, das viele Menschen in schlimmste Depressionen stürzt und wie ein böswilliger Computer-Virus die Seelen befällt?

Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, dann fällt mir auf, daß meine kindlichen Ängste immer mit Dunkelheit zu tun hatten. Die Welt war vor fünfzig Jahren ohnehin dunkler als heute. Straßenlaternen waren in der Dörfern der Rhön noch nicht verbreitet. Laut singend oder pfeifend versuchte ich mir die Angst zu vertreiben, wenn ich abends zum Milchholen einen entfernt liegenden Bauernhof aufsuchen mußte. Der Weg zur nächsten Bahnstation führte durch einen finsteren Wald. Wie oft haben wir mit unserer Mutter bei Dunkelheit die fünf Kilometer laut singend oder Geschichten erzählend zurückgelegt. Ich hielt mich dabei fest an die Hand meiner Mutter und fühlte mich dabei sicher und geborgen.

Beim Propheten Jesaja (5,30) fand ich das Wort: "Wohin man blickt auf der Erde: nur Finsternis voller Angst; das Licht ist durch Wolken verdunkelt."

Wenn ich heute über all das nachdenke, wird mir klar, warum die Dunkelheit das Gewand der Angst ist. Dunkelheit gibt den klaren Konturen eine gespenstische Gestalt, läßt sie unheimlich und bedrohlich erscheinen. Ein kleiner Baumstumpf wird zu einem furchterregenden Monster, das Rascheln im Unterholz zum Schritt des Bösen. Die Umrisse des Bösen lassen sich weder erkennen noch orten. Der Mensch weiß nicht, woher ihm Gefahr droht, aber er spürt ihre Nähe. Ist er ein Gottesleugner, so weiß er: der Fall in die Tiefe ist ein Fall ins Nichts... Das treibt ihn zum Wahnsinn.

Angst ist somit das genaue Pendant zum Glauben. Auch der Glaube hat es mit dem Unsichtbaren zu tun, das keine Konturen hat. Glaube ist ein Schreiten in das Dunkel hinein. Der Mensch hat dabei weder Kontrolle noch Überblick. Aber es gibt für ihn die feste Hand Gottes, die ihn hält. Der Glaubende weiß nicht, wer Gott ist, aber er spürt seine liebende Nähe. Er weiß: falle ich in die Tiefe, so fangen mich seine ausgebreiteten Arme auf. Das bewirkt Gelassenheit. Für ihn bekommt das Wort Jesu Gewicht: "Wer mir folgt, wird nicht in der Finsternis umhergehen, sondern wird das Licht des Lebens haben." (Joh.8,12).

Ich bin sicher, daß die zunehmende Gottlosigkeit heute mit der zunehmenden Angst Hand in Hand geht, ja ihre eigentliche Verursacherin ist. Der Mensch ohne Gott befindet sich wie in einem dunklen Wald und weiß keinen Ausweg. Selbst wenn er seine Wege genau plant und seine Lebensentwürfe exakt ausarbeitet, wird ihm das Gesetz des Handelns in der Regel durch eine ihm unerklärliche Schicksalsmacht aus der Hand gerissen: durch eine schwere Krankheit, einen plötzlicher Todesfall, eine Ehescheidung, eine Geldentwertung... und vieles andere. Daraus entwickelt sich die Angst und ein allgemeines Mißtrauen gegenüber der Zukunft. Und weil der Mensch dem Morgen nicht traut, gibt er dem Augenblick den Vorzug: Jetzt will er leben! Hier und heute will er glücklich sein! Auch Bindungen und Pflichten machen ihm Angst. Das unwiderrufliche Ja-Wort in der Ehe legt ihn fest und engt ihn ein. Wer weiß, was morgen ist?...

Gegen diese Angst steht das dreimalige "Fürchtet euch nicht!" Jesu (Mt.10,26-33), das morgen wieder in vielen Gottesdiensten zu hören sein wird: "Fürchtet euch nicht vor den Menschen!...Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können!...Fürchtet euch also nicht!" (Mt.10,26ff).

Papst Johannes Paul II. hat am 22. Oktober 1978 bei seiner Amtsübernahme der Welt wie ein Prophet das dreimalige "Habt keine Angst" zugerufen: "Habt keine Angst!... Christus weiß, was im Innern des Menschen ist. Er allein weiß es!" Das Innere des Menschen ist der eigentliche Ort der Angst. Dort breitet sich Finsternis aus. Darum wird von vielen die Selbsterkenntnis gefürchtet, weil sie Schlimmstes zutage fördern könnte.

Der Glaubende macht dagegen die überraschende Entdeckung, daß die Finsternis der Seele in Wirklichkeit die Lichtseite Gottes ist, für die es im Menschen kein Wahrnehmungsorgan gibt. Dionysios Areopagita (5. Jh.) spricht von dem "Strahl der Finsternis", der aus Gottes Herz in das Herz des Menschen fällt und alle Selbstherrlichkeit des Menschen zunichte macht. Jetzt begreifen wir auch, daß der 139. Psalm von der Seele des Menschen spricht, wenn es da heißt: "Denn auch Finsternis ist nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtet wie der Tag, Finsternis ist wie das Licht." Angst ist die Vorhalle des Nichts, Liebe die Halle des Lichts. Also: habt keine Angst! Fürchtet euch nicht! Der Herr ist euer Licht!

(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors)
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