Predigt

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Geben ist seliger als Nehmen. Was nicht aus Liebe geschieht, hat bestenfalls einen Nutzwert.


Das Opfer der armen Witwe

Von Winfried Abel


In Deutschland haben die großen Kirchen ein Privileg, das es in anderen Ländern so nicht gibt: die staatlich eingezogene Kirchensteuer. Dieses Geld macht es den kirchlichen Behörden leicht, ihre Einnahmen zu kalkulieren, Gehälter zu zahlen, Kirchen zu renovieren und soziale Dienste zu unterhalten. Das System ist allerdings nicht unumstritten, wird daher in regelmäßigen Abständen heiß diskutiert und ebenso vehement von den Kirchen verteidigt. Grotesk ist dabei die Tatsache, dass jemand, der aus der Kirche austreten möchte, nicht etwa zu seinem Pfarrer geht, sondern zum Amtsgericht, wo er offiziell aus der Kirchensteuerliste gestrichen wird.

Seit Jahren geht mir ein Wort nach, das ein Gemeindemitglied einmal zu mir sagte: "Genommenes Geld bringt niemals Segen, sondern nur freiwillig gegebenes Geld. Die Kirchensteuer hält zwar den kirchlichen Betrieb in Gang, blockiert aber auf Dauer den Heiligen Geist." In dieser Bemerkung kommt ein Wort ins Gespräch, das uns – auch in kirchlichen Kreisen – im Blick auf die Wirksamkeit unseres Tuns fast fremd geworden ist: das Wort "Segen".

Eine alte Legende erzählt von einem König, der eine große Kathedrale bauen wollte und das Gesetz erließ, niemand in seinem Reich dürfe zu dem Bauwerk auch nur den geringsten Beitrag leisten. Das Gotteshaus solle allein sein Werk und Verdienst sein. Und so geschah es: ein prächtiger Dom entstand vor den Augen der Bevölkerung, und der König sparte nicht mit Geld, um die Kathedrale innen und außen mit vielerlei Kunstwerken zu schmücken. Als der Prachtbau kurz vor seiner Vollendung stand, kam ein armes Mütterchen an der Baustelle vorbei. Es sah, wie die armen Lastpferde unbarmherzig geschunden wurden, wie grausam diese ausgemergelten Tiere mit Stock- und Peitschenhieben gezwungen wurden, schwere Steinquader, Sand und Eichenbalken den Berg hinaufzuziehen. Da bekam die Frau Mitleid mit der gequälten Kreatur. Sie ging zu einem Bauern und kaufte mit ihrem letzten Geld eine Raufe Heu und fütterte die halb verhungerten Pferde.

An dem Tag, an dem die Kathedrale eingeweiht werden sollte, blickte die zusammenströmende Menge voll Staunen hinauf zu dem Wappen über dem großen Portal. Dort hatten die Steinmetze noch am Tag zuvor den Namen des Königs einmeißeln müssen. Doch der Name des Königs war nicht mehr zu sehen, an seiner Stelle prangte in Goldbuchstaben der Name des unbekannten Mütterchens. Der König ließ voller Zorn den Namen der Frau ausmerzen und wieder seinen eigenen über dem Portal anbringen. Aber jeden Morgen stand neu der Name des alten Mütterchens über dem Eingang des Domes. Von da an wusste jedermann: nicht das durch harte Steuern eingetriebene Geld des Königs sondern die kleine Liebestat des alten Mütterchens hatte die Kirche zur Ehre Gottes erbaut.

Im Markusevangelium begegnet uns das fromme Mütterchen wieder. Dort lesen wir, wie Jesus einmal dem Opferkasten im Tempel gegenüber saß und beobachtete, wie die Leute Geld in den Kasten warfen. Die Reichen legten mit demonstrativer Geste ihre großen Batzen hinein. Dann kam eine arme Witwe und warf lediglich zwei kleine Kupfermünzen in den Opferkasten. Jesus wies seine Jünger auf die arme Frau hin und sagte: "Diese arme Witwe hat mehr in den Opferkasten hineingeworfen als alle anderen. Denn sie, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat alles gegeben, was sie besaß." (Mk.12,43f).

"Alles geben" – dieses Wort wird zuallererst und am zutreffendsten von Gott selber gesagt. Paulus schreibt: "Gott hat seinen eigenen Sohn für uns alle hingegeben; hat er uns mit ihm nicht alles geschenkt?" (Röm.8,32). Es ist eine Sache von Anstand und Dankbarkeit, dass der Mensch sich Gott gegenüber ähnlich verhält. Deshalb schreibt Paulus in demselben Brief an die Römer: "Bringt euch selber als lebendiges Opfer dar. So gefällt es Gott. Das ist der einzige Gottesdienst, der diesen Namen wirklich verdient." (vgl. Röm.12,1). Man beachte allerdings den gewaltigen Unterschied: wo Christus sich voll Liebe in die Hände der Menschen gibt, da nehmen sie ihm das Leben; wo der Mensch sich vertrauensvoll in die Hände Gottes gibt, da schenkt Gott ihm das Leben. Alles geben – das macht nur Sinn, wenn man begreift, was das Wesen der Liebe ist. Liebe geht immer aufs Ganze. So ist beispielsweise der tiefste Sinn einer Eheschließung die Totalübergabe des Bräutigams an seine Braut und – als adäquate Antwort – die Ganzhingabe der Braut an ihren Bräutigam.

Die Liebe lebt nicht von den großen Gesten sondern von den kleinen Zeichen, von Treue, Geduld und Aufmerksamkeit. Was haben also die beiden Mütterchen Großes getan? Sie haben mit ihren letzten Kupfermünzen ihr ganzes Herz gegeben und so das Licht in dieser Welt vermehrt. Sie haben die Liebe über alle Gebote und Verbote gestellt. Licht bringen bedeutet Segen spenden. – Vielleicht könnte ich den Segen in der Welt dadurch vermehren, dass ich in Zukunft meine Kirchensteuer als freiwillige "Liebesgabe" an die Kirche entrichte?

(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors)
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