Predigt

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Geschichte der Kirche in ideengeschichtlicher Betrachtung

Eine geschichtliche Sinndeutung der christlichen Vergangenheit

Dargestellt von Prof. DDr. Joseph Lortz

7. und 8. Auflage 1940
Aschendorffsche Verlagsbuchhandlung, Münster in Westfalen
IMPRIMATUR, Monasterii, die 22 Octobris 1935, Nr. L 1998, Meis, Vicarius Episcopi Generalis

(Anm. in Klammern)

§6 Jesus Christus, der Stifter der Kirche

8. Anhang: Begriff der katholischen Synthese
Der Formalbegriff, zu dem man immer zurückkehren muß, um die Wahrheit, den Reichtum und die Überlegenheit der Kirche über alle anderen Religionen und Systeme klarzumachen, ist der Begriff der Katholizität, ...der S y n t h e s e. Es gibt keine andere Formel, die so sehr die kirchen-geschichtliche Betrachtung geistig-seelisch fruchtbar zu machen imstande ist wie diese.

Die Kirche ist ein System der Mitte, sie stellt die Zusammenfassung aller Werte von rechts und links dar. In einer unerhört reichen Geschichte hat sie es verstanden, in dem, was wesentlich an ihr ist, die Einseitigkeit und damit die Übertreibung zu vermeiden:

sie läßt dem Judenvolk seine Vorzugsstellung als Volk der Auserwählung, aber sie macht im Neuen Bunde die ganze Menschheit zum wahren Israel (Die beiden Völker JUDA und ISRAEL - siehe JEREMIA);

sie anerkennt die Kräfte des menschlichen Verstandes (ohne sie überzubewerten), aber sie lehnt die Gleichstellung der Religion Jesu mit der Philosophie ab;

sie weiß, daß ihre Lehre Geheimnis ist und doch irgendwie vom Verstande erfasst werden kann ( siehe Widerruf des Bautain);

sie lehrt, daß die Gnade a l l e s Heilsnützliche wirkt, und schreibt doch dem menschlichen Willen Kraft und Pflicht zur Mitarbeit (aus der Kraft der vorher von Gott geschenkten Gnade) zu: die g a n z e Kirchengeschichte in ihrer unübersehbaren Vielfältigkeit kann von hier aus studiert werden.

- Natürlich darf man Synthese nicht verwechseln mit wahlloser Vermischung.

Erste Voraussetzung der Synthese ist kompromißlose Festigkeit. Synthese ist o r g a n i s c h e r Ausbau.

Diese Synthese aber ist grundgelegt, vorgelebt und vorgebildet in Jesu Persönlichkeit und Werk:
  • G o t t   u n d   M e n s c h ;
  • höchstes Selbstbewußtsein und tiefste selbstverleugnende Demut;
  • Gnade und Verdienst;
  • Festigkeit der Forderungen und Barmherzigkeit;
  • Das Gesetz nicht verwerfen und doch mit neuem Sinn e r f ü l l e n;
  • Innere Absicht und äusseres Tun ...;
  • Individuum und Gemeinschaft;
Jeder Punkt der Lehre das Ganze, aber das Ganze doch nur da, wo a l l e Einzelheiten bewahrt und verwirklicht sind.

Erst die Erkenntnis der Tatsache und dann des Reichtums dieser Synthese schafft die Möglichkeit, die Einheitlichkeit und Folgerichtigkeit der Lehre Jesu und des Urchristentums darzutun, ohne nach Art der liberalen Kritik auf ein allmähliches "Werden" des Bewußtseins Jesu und seiner reinen Lehre zurückgehen zu müssen ...

(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors)
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