Predigt

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...über die Gottesfurcht

Nach Theresa von Avila


1. ... Die G'ttesfurcht ist gleichfalls leicht kenntlich für den, der sie hegt wie für seine Umgebung... Denn alsbald trennt er sich von Sünden und Gelegenheiten und von schlechter Gesellschaft und ähnlich Bezeichnendem. Allein, wenn die Seele an Kräften zunimmt, dank des Gebetes, von dem wir sprechen (Anm.: Das "Vater unser..."), dann tritt die G'ttesfurcht unverkennbar zutage:

am Ausdruck zeigt sich, daß solche Seele niemals achtlos ist und daß sie, von G'tt geführt, sich gegenwärtig hält, ihn nicht zu verletzen. Der größte Vorteil könnte sie nicht dazu bewegen, absichtlich eine lässliche Sünde zu begehen; Todsünden aber fürchten sie wie das Feuer...

2. Oh, es ist etwas Großes, sich nicht gegen den HErrn zu vergehen. Seine höllischen Diener oder Sklaven, die ihm gleich allen dienen müssen, sie unter Zwang, wir aber mit voller Hingabe, sie stehen wie festgebannt, wenn wir nur ihn zufriedenstellen. Nichts können sie tun, was uns nicht zur Förderung dient.

3. Legt euch innerlich immer Rechenschaft ab, bis ihr so starke Entschlossenheit gewinnt, dem HErrn nicht zuwiderzuhandeln, daß ihr lieber tausend Leben verlieren wolltet als eine läßliche Sünde auf euch zu laden - daß ihr euch lieber von der ganzen Welt verfolgen lassen wolltet. Das gilt für Vergehen, die wissentlich und willentlich begangen werden. Von jenen andern aber - wen gibt es, der von solchen nicht viele beginge? Es gibt einen sehr duchdachten Entschluß, einen so schnellen, daß man sich dessen anscheinend erst nach der Tat, nach dem Fehltritt bewußt wird, wenn auch etwas in einem warnt. Allein vor einer Sünde , die mit voller Überlegung begangen wird, vor ihr bewahre uns G'tt, und wäre sie noch so winzig...

4. ...Seht, die Gewohnheit tut viel und viel die zunehmende Einsicht, was es heißt, G'tt zuwider zu sein und wie schwer solches belastet. Bemüht euch sehr, das zu erkennen und in euerm Geist zu erwägen, bis eine unbedingte G'ttesfurcht in euern Herzen Wurzeln geschlagen hat. Bis die Seele sich klargeworden ist, daß sie solche hegt, muß sie hellwach auf der Hut sein... Sie braucht große Selbstüberwachung, bis diese G'ttesfurcht ihr eingewurzelt ist. Allein der Höchste verleiht sie schnell, wenn in der Seele wahre Gottesliebe herrscht. Wenn jedoch die Seele in sich die feste Entschlossenheit gewahrt, um nichts in der Welt, auch nicht aus Furcht vor tausend Toden, eine läßliche Sünde zu begehen, ...dann braucht sie nicht länger so besorgt und in sich gekehrt vorzugehen; denn der HErr und bereits auch die Gewohnheit werden uns helfen, ihm nicht entgegen zu sein. Wir mögen uns mit einer heiligen Freiheit bewegen und mit den Menschen umgehen, so wie sie uns begegnen, und nicht zuletzt mit den Unbedachten; denn jetzt, wo wir die Sünde verabscheuen, werden sie euch keinen Schaden zufügen, sondern eher dazu beitragen, euern guten Entschluß weiter voranzutreiben, verdeutlichen sie doch den Unterschied zwischen Ihnen und euch.

5. Sollte jedoch die Seele eingeschüchtert werden, wird das zum üblen Hindernis für alles Gute. Mitunter verfällt sie in Skrupel, und dann wird sie untauglich für sich wie für die Gemeinschaft. Oder aber, sie mag tauglich für sich selber sein, doch angesichts ihrer Verschüchterung und Gehemmtheit werden es nicht viele Seelen sein, die von ihr zu Gott geführt werden. So ist unsere Natur, daß sie schnell gehemmt wird; und aus Furcht vor solcher Bedrängnis vergeht uns das Verlangen, so ausgesondert den Weg der Tugend zu gehen.

6. Und doch entsteht hier ein anderer Schaden: daß wir die anderen mißbilligen, die nicht diesen Weg einschlugen und die statt dessen mit größerer Heiligkeit, um dem Nächsten zu nützen, auf jede Eingezogenheit verzichten. Flugs scheinen sie uns deshalb unvollkommen. Zeigen sie eine heilige Heiterkeit, dann mag uns das als Ausschweifung erscheinen. Das ist sehr gefährlich und ein Zustand ständigen Versuchtseins und ein sehr arges Zurückgleiten; denn es ist eine Beeinträchtigung des Nächsten. Und zu denken, daß jene, die nicht euern Weg der Sammlung gehen, darum minder gut vorankommen, das ist von größtem Übel. Ein weiterer Schaden ist dieser: wenn ihr ein Urteil abzugeben habt und es wirklich berechtigt ist, daß ihr es abgebt, dann wagt ihr das nicht, aus Furcht, G'tt entgegenzuhandeln, vielmehr beurteilt ihr als gut, was ihr von Rechts wegen verwerfen müßtet.

FREIHEIT IN LIEBE (Aus Kapitel 72)
1. So bemüht euch, Schwestern (Anm.: und Brüder), um eine wahre Erfahrung G'ttes. Sein Blick haftet nicht an soviel Kleinlichkeiten wie ihr glaubt. Und bringt es nicht dahin, daß eure Seele und euer Mut eingeschüchtert werden; denn dabei kann viel Wertvolles verlorengehen: die ungebrochene Absicht und der Willensentschluß, Gott nicht zuwiderzuhandeln. Laßt eure Seele nicht inden Winkel drücken, dort würde sie nicht an Heiligkeit zunehemen, sondern an weiteren Unvollkommenheiten...

2. So seht ihr: mit diesen beiden, mit G'ttesliebe und G'ttesfurcht, könnt ihr beruhigt diesen Weg durchmessen, ohne daß ihr bei jedem Schritt eine Fallgrube zu sehen glaubt; denn auf solche Weise kämet ihr niemals zum Ziel. ...( Anm.: so beten wir jetzt gemeinsam: VATER UNSER IM HIMMEL, GEHEILIGT WERDE DEIN NAME, DEIN REICH KOMME, DEIN WILLE GESCHEHE, WIE IM HIMMEL SO AUF ERDEN. UNSER TÄGLICHES BROT GIB UNS HEUTE UND VERGIB UNS UNSERE SCHULD, WIE AUCH WIR VERGEBEN UNSEREN SCHULDIGERN UND FÜHRE UNS NICHT IN VERSUCHUNG, SONDERN ERLÖSE UNS VON DEM BÖSEN. AMEN ! )

(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors)
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