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Warum Glauben generell eine höhere Form der Erkenntnis ist als Wissen Glauben heißt Gottes Herzensliebe erwidernVon Pfr. Winfried Abel"Glauben heißt Nicht-Wissen": mit diesem Wort drücken heute viele aufgeklärte Menschen ihre Verachtung gegenüber dem Christentum aus. Nach ihrer Meinung läßt die wissenschaftliche Welt von heute keinen Raum für eine Wahrheit, die sich der experimentellen Überprüfung entzieht. Ganz abgesehen davon, daß die Vorstellung von der restlosen Erklärbarkeit der Welt ein Zeichen von Dummheit und Überheblichkeit ist, verwechseln die Kritiker des Glaubens zwei Erkenntnisebenen. Sie verhalten sich dabei wie ein bei IG-Farben arbeitender Chemiker, der sich, weil er die genaue Zusammensetzung von Ölfarben kennt, ein Urteil über die Schönheit eines Rembrandtgemäldes anmaßen möchte. Chemie und Ästhetik sind nun einmal zwei völlig verschiedene Kategorien. Genau betrachtet ist Wissen die niedere Form der Wahrheitserkenntnis, weil es nur mit den Mitteln des Intellekts, also rein sachlich und analytisch, gewonnen wird, soweit der Verstand – auch der eiskalt rechnende – diese Welt überhaupt erfassen kann. Glauben ist dagegen eine höhere Form der Erkenntnis, die der personalen Natur des Menschen entspricht und sich nur dem Liebenden erschließt. Im Glauben erkennt der Mensch die Hintergründigkeit der Dinge und der Vorgänge, so etwa wie eine junge Frau, die aus einem Strauß Blumen – sachlich gesprochen: aus einem Bündel Botanik - die Liebe ihres Verehrers ablesen kann. Im Prinzip ist der Vorgang des Glaubens jedem Menschen aus alltäglichen Erfahrungen vertraut. Der Fahrgast glaubt der Auskunft des Zugschaffners, der Fluggast der Erfahrung des Piloten, der Wanderer der Wegbeschreibung eines Einheimischen. Das heißt: das Wissen und Können eines "Eingeweihten" ergänzt das Nicht-Wissen eines Fragenden, der sich der Sicht und Erfahrung des anderen durch einen Akt des Vertrauens anschließt. Kommt aber hinzu, daß mir die Person meines Vertrauens besonders nahe steht und ich mir ihrer liebenden Zuwendung ganz sicher bin, dann erhält mein Glaube ein um so festeres Fundament, ja sogar eine beglückende Sicherheit. Der heilige Paulus sagt einmal: "Ich weiß, wem ich geglaubt habe!" (2 Tim 1,12). Das lateinische Wort für "glauben", credere, leitet sich – und das ist bedeutsam - von "cor dare" ab, das heißt: "sein Herz geben"! Glauben heißt also im Tiefsten: die Herzensliebe Gottes erfahren und durch vertrauensvolle Hingabe erwidern. Der Evangelist Lukas berichtet von einer Szene am See Genesareth, wo Jesus dem verdutzten Petrus befiehlt, bei hellichtem Tag sein Netz auszuwerfen, obwohl dieser sich die ganze Nacht hindurch vergeblich gemüht hat. Petrus könnte tausend sachliche Argumente gegen diese unsinnige Forderung ins Feld führen. Doch in einem kühnen Akt des Vertrauens schließt er sich der Sicht des Herrn an, indem er sagt: "Weil du es sagst, will ich die Netze noch einmal auswerfen." (Lk.5,5). Ein andermal, als die Menschen Jesus wegen seiner anstößigen Lehre in Scharen verlassen und dieser die Jünger fragt: "wollt auch ihr gehen?" nimmt Petrus wieder seine Zuflucht zum Vertrauen auf den Meister: "Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens." (Joh.6,68). Beide Male steht somit die vertrauenswürdige Person Jesu für die Wahrheit. Wenn morgen in der Liturgie das Evangelium von der Erweckung des Lazarus (Joh.11,1-45) verkündet wird, dann wird uns erneut bewußt, was ein liebender Gott glaubenden Menschen zumuten kann. Als Jesus nämlich die Nachricht von der schweren Erkrankung seines Freundes erhält, beeilt er sich nicht, dem Sterbenden zu Hilfe zu eilen, sondern verzögert seine Ankunft in Bethanien, bis Lazarus gestorben ist. Die beiden Schwestern Martha und Maria sind untröstlich. Martha, die immer eilfertige, geht dem Herrn entgegen und bestürmt ihn mit vorwurfsvollem Unterton: "Herr, wärest Du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben." Jesus antwortet ihr mit dem rätselhaften Wort: "Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?" Die Reaktion von Martha auf diese Unbegreiflichkeit ist ein mustergültiges Lehrstück für alle Wahrheitssuchenden. Sie geht nicht auf die von Jesus verkündete "Sache" ein, die ihr ohnehin rätselhaft und unverständlich klingt, sie nimmt vielmehr ihre Zuflucht zu seiner Person: "Ja, Herr, ich glaube, daß du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll." Damit beschreitet sie den einzig gültigen Weg zur Wahrheit und gelangt von der Sache zur Person Jesu. Sind also Gläubige dümmer als Wissende? Nein, im Gegenteil: Wer in Gott seinen Grund gefunden hat, der ist weiser als der Wissende und ist glücklicher als der Satte. Von dem großen Schweizer Erzieher Pestalozzi stammt das Wort: "Glaube ist Liebe. Und wo Liebe ist, da hat Gott sein Heiligtum." (Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors) |
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