Predigt

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Ob die Reise in den Abgrund geht oder zu einem lohnenden Ziel - Hauptsache Fortschritt


Der Mensch braucht festen Boden unter den Füßen

Von Pfr. Winfried Abel


"Gottes fröhlicher Fundi" so titelte die Süddeutsche Zeitung einen Nachruf auf den verstorbenen Erzbischof Johannes Dyba. Kein Zweifel: der Autor des Artikels hatte Wohlwollendes im Sinn, nahm er doch dem schlimmsten aller modernen Schimpfworte liebevoll die Spitze. Fundamentalismus, ursprünglich ein theologischer Begriff, ist heute ein Sammelname für alles Rückwärtsgewandte, Beharrende und Traditionsverbundene, leider aber auch ein Synonym für Prinzipientreue und Charakterfestigkeit. Fundamentalistisch = böse, fortschrittlich = gut: so schlagwortartig lässt sich die Meinung der breiten Öffentlichkeit zusammenfassen. Wenn auf dem Christopher Street Day eine halbe Million bekennender Homosexueller tanzt, "dann ist das ein Fortschritt", meinte in Berlin der Organisator des 5. Kongresses der Europäischen Vereinigung für Sexologie, Prof. Erwin Haeberle (FZ vom 30.6.2000). Natürlich zieht bei solchen Ereignissen immer eine Handvoll Politiker und Kirchenvertreter an der Spitze mit. Das sind die sogenannten "fortschrittlichen Kräfte" in Kirche und Gesellschaft!

Fortschritt – wohin? Wenn ich alljährlich in meinem Urlaub die Gipfel der Schweizer Berge erklimme, dann stehen mir die Ziele klar vor Augen und ich halte ich mich tunlichst an die beschilderten Pfade. "Ausgetrampelte Wege" könnte da mancher verächtlich sagen. Aber wehe, wenn ich sie verließe! Der tödliche Abgrund ist oft nur einen Schritt weit davon entfernt. Fortschrittlich sein kann nur der, der zielgerichtet ist. Wer "Fortschritt" sagt, muß auch sagen, wohin die Reise geht. Es gibt heute Meinungsmacher, die uralte Menschheitserfahrungen mit leichter Hand in den Wind schreiben und so tun, als hätten sie an der Schwelle zum 3. Jahrtausend nie gehabte Erkenntnisse über Menschheitsglück und Menschheitsfreude, die den unaufgeklärten Vorfahren verborgen waren oder bewusst vorenthalten wurden.

Im 20. Jahrhundert standen neben dem allgegenwärtigen Zeitgeist zwei politische Systeme für Fortschritt, die auf der einen Seite den Rassenwahn und auf der anderen Seite die gewaltsame Gleichmacherei als Weg in die paradiesische Gesellschaft propagierten. In politischen Witzen legte man häufig den Machthabern in den Mund: "Gestern standen wir noch am Rande des Abgrunds, heute sind wir schon einen Schritt weiter." Dazu zeigte man als grausige Karikatur, wie ein Volk mit Marschmusik und wehenden Fahnen in ein Massengrab marschiert. Wenn bei der "Love Parade" die Schamlosigkeit sich in einer Riesenorgie von zuckenden und lärmenden, nackten oder halbnackten Leibern durch die Straßen von Berlin wälzt, nennen das manche Gelehrte "fortschrittlich". "Die junge Generation ist sexuell so gesund wie noch nie" bemerkt sogar anerkennend ein Sexualforscher.

Im Johannesevangelium (Kap.6) lesen wir, wie sich die Zuhörerschaft nach der berühmten Rede von Kafarnaum laut murrend gegen Jesus auflehnt: "Was er sagt, ist unerträglich! Wer kann das anhören?" Sie finden seine Rede gotteslästerlich und seine Forderungen unerfüllbar. Es heißt sogar: "Daraufhin zogen sich viele Jünger zurück und wanderten nicht mehr mit ihm umher." "Mit Jesus wandern" – wäre das nicht eine treffende Formulierung für "Fortschritt"? Jesus, der von sich sagen konnte "Ich bin der Weg", hätte ebenso sagen können: "Ich bin der Fortschritt". Denn das Voranschreiten auf einem Weg zu einem lohnenden Ziel ist im wahr- sten Sinne des Wortes "progressiv". Und welches Ziel wäre lohnender, als das Leben in Fülle, das Ewige Leben? Jesus kennt diesbezüglich keine faulen Kompromisse und keine falschen Zugeständnisse. Zu den wenigen verbliebenen Jüngern gewandt, fragt er: "Wollt auch ihr weggehen?" Die Antwort des Petrus ist klassisch zu nennen: "Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens!" Petrus hat diesbezüglich seine Erfahrungen. Wurde ihm nicht beim Gang über das Wasser der Boden unter den Füßen weggezogen, als er den Worten Jesu misstraute? Wo fände er sonst noch einen tragenden Grund außer bei dem, der ewiges Leben verheißt? Es ist seit zweitausend Jahren bezeugt, dass alle, die diesen Weg gingen, niemals enttäuscht wurden. Es ist ebenso bezeugt, dass der Weg der "Love-Paradierenden" ins Abseits, in die Degeneration und in den Tod führt; auf diesem Weg marschierten schon im Altertum blühende Kulturen mit wehenden Fahnen in den Abgrund.

Wenn es um Fundamente geht, muß man sehr gewissenhaft sein; das weiß jeder Baumeister. Wie schnell stürzt ein Haus ein, wenn es auf bloßen Sand gebaut ist. Der Apostel Paulus nennt sich sogar selbst einen Fundamentalisten (1Kor. 3,10f): "Ich habe wie ein guter Baumeister ein Fundament gelegt: einen anderes Fundament kann niemand legen als das, das gelegt ist: Jesus Christus." Mit Jesu Wort unter den Füßen – gibt es eine bessere Wahrheit? – und mit seiner göttlichen Weisung als Markierung – gibt es einen besseren Wegweiser? – möchte auch ich als fröhlicher Fundi Gottes durch die Welt gehen.

(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors)
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