Predigt

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Der Mensch als diagonales Wesen. Hoffnung als Grund zur Lebensfreude

Das Bonifatiusfest - ein Totenkult?
Von Pfr. Winfried Abel


Morgen erwartet Fulda einen Strom von Pilgern zum Bonifatiusfest, dem wohl bedeutendsten Ereignis des Bistums im Jubeljahr 2000. Ziel und Mittelpunkt der Wallfahrten ist das Grab des "Glaubensvaters" Bonifatius in der Krypta des Domes. Der Name "Fulda" hat in Deutschland inzwischen symbolische Bedeutung erlangt. Seit der politischen Wende liegt die Stadt ziemlich genau im geographischen Zentrum der Bundesrepublik. Hier ist seit mehr als hundert Jahren der Tagungsort der deutschen Bischofskonferenz.

Ist Fulda also ein geistlicher Dreh- und Angelpunkt, - ein deutsches Rom? Tatsache ist, dass in Rom wie auch in Fulda die Gräber der Apostel und Märtyrer die Bezugspunkte des Glaubens bilden. Tatsache ist auch, dass Bonifatius für Deutschland eine ähnliche Bedeutung hat wie Petrus für die ganze Welt.

Ein Grab als Bezugspunkt? Ein längst Verstorbener als Idol? Die Kirche – erbaut auf Totengebeinen? – Vielleicht schauen wir uns einmal das berühmte Alabasterrelief des Grabaltars näher an, das zu einer Art Bistums-Vignette für das Jubiläumsjahr geworden ist. Der Hadamarer Künstler Johann Neudecker hatte vor beinahe dreihundert Jahren die Wahl, das langgezogene Rechteck vor dem Altar entweder senkrecht oder waagerecht zu gestalten. Senkrecht bedeutet: viele kleine lebendige Figuren nebeneinander – wie auf einem römischen Sarkophag. Waagerecht bedeutet: eine in voller Körperlänge hingestreckte tote Figur – wie auf einer mittelalterlichen Grabplatte. Der Künstler entschied sich erstaunlicherweise für die Diagonale. Somit erhielt die schräg von unten nach oben verlaufende Linie ein theologisches Gewicht. Ihre Botschaft heißt: der Mensch ist weder ganz "waagerecht" noch ganz "senkrecht", sondern er lebt im Spannungsfeld dieser beiden Koordinaten, - er ist ein "diagonales" Wesen!

Was Bonifatius vor 1250 Jahren getan hat, und was der Kirche bis in unsere Zeit hinein aufgetragen ist, die Weitergabe des Glaubens, geschieht immer "waagrecht" als Verkündigung von Mensch zu Mensch - und "senkrecht" als Gezeugtwerden "von oben". Glaube ist also weder eine reine Verstandessache noch die glückselige Schau Gottes von Angesicht zu Angesicht, sondern ein "diagonales" Ereignis: es vollzieht sich im Kraftfeld zwischen verstandesmäßigem Erkennen und mystischer Erfahrung.

Da die Waagerechte zugleich als Maßstab für die Zeit verstanden wird, symbolisiert die Diagonale das, was die Lebenszeit des Menschen wie ein roter Faden durchzieht und beständig nach oben weist: die Tugend der Hoffnung. Sie ist der spannungsgeladene Schwebezustand zwischen Gewissheit und ungesicherter Erwartung. Dieser Zustand wird im Hebräerbrief folgendermaßen beschrieben: "Glauben heißt: Feststehen in dem, was man erhofft, Überzeugtsein von Dingen, die man (noch) nicht sieht" (Hebr.11,1). Besser kann man die Eigenart des Menschen, sein senkrechtes Stehen und sein waagerechtes Voranschreiten, nicht beschreiben. Seine Freude am Leben wird einzig durch Hoffnung bestimmt!

Hoffnung ist nicht eine Illusion, die sich auf ein unerreichbares Ziel (Himmel?) richtet und dieses mit vielerlei unerfüllbaren Wünschen und Sehnsüchten befrachtet. Der Gegenstand unserer Hoffnung (Himmel!) ist tatsächlich schon vorhanden, wenn auch noch nicht sichtbar. Von einer Frau, die ein Kind erwartet, sagt man auch heute noch, sie ist "guter Hoffnung". Der Gegenstand ihrer Hoffnung, das Kind, ist tatsächlich schon vorhanden, wenn auch noch nicht sichtbar. Deshalb erwartet die Mutter voll Sehnsucht die Stunde der Geburt. "Man kann ja nicht etwas erhoffen, was man sieht!" (Röm.8,24).

Der heilige Paulus hat die beiden Koordinaten, die der Hoffnungs-Diagonale als Aufhängung dienen, genau beschrieben, – einmal als die hier und jetzt geschenkte Sicherheit, und ein andermal als das noch unsichere, von der Zukunft erwartete Ziel: "Ich weiß, wem ich geglaubt habe!" (2Tim.1,12) und: "Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist" (Phil.3,13).

Die Linie, die im Spannungsfeld dieser beiden Aussagen schräg von unten nach oben – gewissermaßen von der Erde zum Himmel – verläuft, gibt dem Leben seine staunenswerte Spannkraft. Hoffnung ist nach Friedrich Nietzsche "ein viel größeres Stimulans des Lebens als irgendein Glück." Dieses stimulierende Ziel ist aber nicht irgendeine Sache, sondern eine Person, - Jesus Christus! Darum sagt John Henry Newman: "Das ist die wahre Begriffsbestimmung eines Christen: einer, der Ausschau hält nach Christus."

Ist nicht – umgekehrt – die wahre Begriffsbestimmung Christi diese: einer, der Ausschau hält nach den Menschen? Genau aus dieser Perspektive werden wir das Altarrelief des hl. Bonifatius verstehen:
Bonifatius ist nicht tot, er hält Ausschau...

(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors)
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