Predigt

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Der Millionär im Unruhestand

oder

Ein Rendezvous mit dem Leben. Gottvertrauen zahlt sich aus.

von Pfr. Winfried Abel
Eine besondere Faszination übte auf mich seit meiner Kindheit die Abrahamsgeschichte aus. Wollte man sie in unsere Zeit übersetzen, dann würde man dem Stammvater der Israeliten vielleicht den Beinamen "Der Millionär im Unruhestand" geben. Tatsächlich war Abraham ein steinreicher Ruheständler, der sich in Ur in Chaldäa niederließ, um dort seine letzten Jahre zu verbringen. Er hatte es in seinem Leben zu beträchtlichem Wohlstand gebracht, war so etwas wie ein Stammesfürst und nannte eine große Herde und eine beträchtliche Dienerschaft sein eigen. Als er 75 Jahre alt war, erging das Wort Gottes an ihn: "Abraham zieh weg aus deinem Land in das Land, das ich dir zeigen werde." Der Angesprochene reagiert auf den göttlichen Befehl ohne erkennbaren Widerspruch. Ganz lapidar sagt die Schrift: "Da zog Abraham weg, wie der Herr es ihm gesagt hatte." (Gen.12,4).

An dieser kurzen Schilderung wundert mich eine bestimmte Tatsache, die ich anfangs immer überlesen habe: dass Abraham überhaupt die Stimme Gottes hören konnte. Früher stellte ich mir das eher so vor: Abraham sieht im Traum ein blendendes Licht und hört dazu eine mächtige Stimme, die ihm noch im Wachzustand in den Ohren tost; oder er vernimmt im Gebet ein Donnerwort, das ihn erbeben lässt und unwiderstehlich in die Knie zwingt. Die Wirklichkeit ist meist einfacher. In der Regel hört der Mensch die Stimme Gottes ganz tief in seinem Innern. Sie ist deutlicher und überzeugender als akustische Worte es sein können. Wir dürfen annehmen, dass Abraham ein außergewöhnlich religiöser und sensibler Mensch war. Er lebte in einer Umwelt, in der die Menschen vielerlei Gottheiten verehrten, ihre hölzernen und steinernen Hausgötter umhertrugen und von abergläubischer Angst erfüllt waren. Inmitten dieser Verworrenheit hört Abraham die Stimme des wahren und einzige Gottes – klar und unüberhörbar.

Die Psychotherapeutin Elisabeth Lukas, eine Schülerin von Viktor Frankl, des Begründers der Logotherapie, spricht von der "inneren Stimme", die eine Instanz im tiefsten Personenkern ist. Dieses innere Zentrum hat Antennen, mit denen wir empfangen können, was sich als Wort Gottes offenbart. Es klingt und schwingt etwas durch den Menschen hindurch. Das wird deutlich durch den Ausdruck "Person". "Person" kommt vom lateinischen "per-sonare", das heißt "durch-tönen". In der Tat ist der Mensch durchtönt und durchklungen von Sinngehalten, die sich von selbst bei ihm melden. Sie treten in Form eines Angebotes an den Menschen heran und locken aus ihm das Ja dazu hervor. Man nennt diese Stimme auch "Gewissen".

Abraham ist dieser inneren Stimme, die sich ihm überdeutlich offenbarte, mit seinem Ja gefolgt. Dieses Ja begründete das große Abenteuer seines Lebens. Es ließ ihn wieder zum Nomaden werden, zum unruhigen Pilger. Sein Weg führte vom Zweistromland (heute Irak) nach Ägypten und wieder zurück nach Kanaan. Und immer wieder war es die innere Stimme, die ihn dabei begleitete. Zunächst die Verheißung einer großen Nachkommenschaft. Man muß dazu wissen: Abraham, der Millionär, war todunglücklich, weil er keinen Sohn hatte. Für einen Orientalen eine Strafe Gottes! Als Gott ihm sagt: "Dein Lohn wird sehr groß sein", antwortet ihm der Patriarch: "Was willst du mir schon geben, Herr? Ich habe doch keine Kinder!" (Gen.15,1f). Doch die Stimme Gottes bleibt beharrlich, - und Abraham glaubt. Dieser Glaube wirkt Wunder: er ist im wahrsten Sinne fruchtbar – sowohl leiblich wie auch geistig.

Doch dann kommt für den unruhigen Millionär die schwerste Glaubensprobe. Die Stimme sagt ihm, er solle seinen einzigen Sohn zum Opfer bringen. Klingt das nicht widersinnig? Zunächst verheißt Gott dem kinderlosen Alt-Nomaden einen Sohn. Dieser wird ihm - gegen alle Vernunft glaubend - auch wirklich geschenkt. Und diesen fordert Gott ohne Begründung zurück. Es ginge hier zu weit, die wunderbaren Zusammenhänge aufzuzeigen, die gerade in dieser dramatischen Passage zu finden sind.

Wieder ist es die Logotherapeutin Dr. Lukas, die uns einen wertvollen Hinweis gibt: "Gerne würde ich vielen meiner Klienten, die schwere Probleme haben, zurufen: Vergessen Sie nicht, dass Sie ein Rendezvous mit dem Leben haben!" Zu einem Rendezvous geht man mit ein bisschen Vorfreude und Neugierde. Man möchte sich überraschen lassen. Man ist voller Hoffnung und guter Erwartung. Der Mensch, der – wie Abraham – vom Schicksal gezeichnet ist, vielleicht sogar den Verlust eine geliebten Menschen zu beklagen hat, hat immer – auch im Widersinn – ein "Rendezvous mit dem Leben". Sollte nicht auch ich aus den Verlusten meines Lebens eine Darbietung machen, ein Opfer, ein Zeichen meiner Hingabe? Das würde mich wahrhaft zum Menschen machen.

Abraham wurde auf dem Berge Morija, auf dem er seinen Sohn darbrachte, zum wahren Millionär: zum Vater von Millionen von Glaubenden. Und wir zehren heute noch von diesem kostbaren Kapital.

(Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors)
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